Pflegende Angehörige
Für die Arbeit, die du unbezahlt machst, ist längst Geld eingeplant. Fast nichts davon wird ausgezahlt, ohne dass jemand es beantragt.
Rund vier von fünf pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt, meist von einer einzigen Angehörigen, die nie gefragt und nie geschult wurde. Es gibt Geld, es gibt Freistellungen, die den Arbeitsplatz nicht kosten dürfen, es gibt kostenlose Kurse, und es werden Rentenbeiträge für dich gezahlt — und das System wartet still auf einen Antrag, an den es dich nie erinnern wird.
Diese Seite erklärt, was es gibt, in welcher Reihenfolge du es holst und welche Fristen wirklich wehtun.
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Wenn du gerade mittendrin bist
Entlassung aus dem Krankenhaus nächste Woche, ein Elternteil, das plötzlich nicht mehr kann, oder du am Ende deiner Kraft. Das hier wartet nicht.
Pflegegrad heute beantragen
Ein Anruf bei der Pflegekasse der Krankenkasse genügt — kein Formular, keine Diagnose, kein Nachweis, um das Verfahren zu starten. Leistungen gibt es ab dem Monat, in dem der Antrag eingeht: Ein Antrag von heute zahlt auch dann ab diesem Monat, wenn erst im November begutachtet wird. Der Anruf kostet nichts und verpflichtet niemanden.
Du musst sofort von der Arbeit weg
Du darfst bis zu zehn Arbeitstage kurzfristig fernbleiben, um in einer akuten Situation die Pflege zu organisieren — dem Arbeitgeber unverzüglich Bescheid geben, keine Ankündigungsfrist, keine Mindestbetriebsgröße. Als Lohnersatz gibt es Pflegeunterstützungsgeld von der Pflegekasse, bis zu zehn Arbeitstage im Kalenderjahr.
Jemand zum Durchdenken
Das Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums antwortet unter 030 20 17 91 31, Mo–Do 09:00–18:00 Uhr, oder per Mail an info@wege-zur-pflege.de. Es ist ausdrücklich auch für belastende und kritische Situationen da, nicht nur für Verfahrensfragen.
Wenn es um Demenz geht
Das Alzheimer-Telefon antwortet unter 030 259 37 95 14, Mo–Do 09:00–18:00 und Fr 09:00–15:00 Uhr, kostenfrei und auf Wunsch anonym; mittwochs 10:00–12:00 Uhr auch auf Türkisch. deutsche-alzheimer.de
Ablehnung oder zu niedriger Pflegegrad
Du hast einen Monat ab Bekanntgabe, um Widerspruch einzulegen — schriftlich, und ein Satz reicht; die Begründung darf nachgereicht werden. Diesen Monat verstreichen zu lassen ist der Grund, warum Familien jahrelang mit einer schlicht falschen Entscheidung leben.
Wenn du nicht mehr kannst
Erschöpfung in der Pflege ist kein Charakterfehler und nichts Seltenes. Krisennummern und Sicherheitsplanung: kantholz93.com/suizid. TelefonSeelsorge, 0800 111 0 111, kostenlos und anonym, rund um die Uhr. Akute Gefahr: 112.
Der Pflegegrad ist das Tor, hinter dem alles andere liegt
Fast jede Leistung auf dieser Seite — Geld, Entlastung, Hilfsmittel, deine Rentenbeiträge — setzt einen bewilligten Pflegegrad voraus. Nichts beginnt, bevor jemand einen Antrag stellt.
Wer beantragt. Die pflegebedürftige Person selbst oder jemand, der für sie handelt. Der Antrag geht an die Pflegekasse, die bei der Krankenkasse sitzt. Ein Anruf oder zwei Zeilen genügen; notiere das Datum und sichere dir einen Nachweis.
Dann die Begutachtung. Der Medizinische Dienst kommt nach Hause und bewertet die Selbstständigkeit in sechs Bereichen — Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Selbstversorgung, Umgang mit Krankheit und Therapie sowie Alltagsleben und soziale Kontakte. Die Grade reichen von 1 bis 5. Es zählt, was jemand noch allein kann, nicht welche Diagnosen vorliegen.
Führe zwei Wochen vor dem Termin ein Pflegetagebuch. Schreib jede Verrichtung auf und wie lange sie dauert, auch nachts. Der Gutachter sieht eine gute Stunde an einem guten Tag — und Menschen spielen an der Wohnungstür aus Stolz herunter, was sie nicht mehr schaffen. Leg deine Aufzeichnungen auf den Tisch.
Es gibt eine Frist, und sie kostet Geld. Die Pflegekasse muss den schriftlichen Bescheid innerhalb von 25 Arbeitstagen nach Antragseingang erteilen. Versäumt sie das, schuldet sie der antragstellenden Person 70 Euro für jede begonnene Woche der Fristüberschreitung — außer sie hat die Verzögerung nicht zu vertreten. Kaum jemand fordert das ein; es auszusprechen wirkt erstaunlich oft.
Widerspruch innerhalb eines Monats. Der Widerspruch muss binnen eines Monats nach Bekanntgabe da sein. Zu niedrige Einstufungen sind Alltag, und Widersprüche haben oft Erfolg. Fordere zuerst das vollständige Gutachten an — du hast Anspruch darauf — und lass den Widerspruch mit einer Pflegeberatung oder einem Sozialverband schreiben.
Beratung ist ein Rechtsanspruch. Nach § 7a SGB XI hat jede leistungsberechtigte Person Anspruch auf individuelle Pflegeberatung — eine namentlich benannte Beraterin, bezahlt von der Pflegekasse, die mit dir die Ansprüche und den Papierkram durchgeht. Örtliche Pflegestützpunkte tun dasselbe, unabhängig von Anbietern.
Was das Geld tatsächlich ist
Das sind die gesetzlichen Monatsbeträge, wie sie derzeit im Gesetz stehen. Nichts davon ist einkommensabhängig — Einkommen und Erspartes spielen keine Rolle.
Pflegegeld — Bargeld für die Pflege durch Angehörige
Wenn Angehörige pflegen statt eines Dienstes: 347 € bei Pflegegrad 2, 599 € bei 3, 800 € bei 4 und 990 € bei 5, jeden Monat. Gezahlt wird an die pflegebedürftige Person; was innerhalb der Familie damit geschieht, geht niemanden etwas an. Bei Pflegegrad 1 gibt es kein Pflegegeld.
Pflegesachleistungen — ein Dienst übernimmt
Übernimmt ein ambulanter Pflegedienst: bis zu 796 €, 1.497 €, 1.859 € und 2.299 € im Monat bei den Graden 2 bis 5. Beides lässt sich kombinieren — einen Teil des Sachleistungsbudgets nutzen und anteilig Pflegegeld dazu beziehen. Die meisten Familien machen genau das, und die wenigsten erfahren, dass es geht.
Entlastungsbetrag: 131 € im Monat, zu Hause, ab Pflegegrad 1 — für Tages- und Nachtpflege, Kurzzeitpflege, anerkannte Angebote zur Unterstützung im Alltag und ab Grad 2 für ambulante Leistungen außerhalb der Selbstversorgung. Er wird nicht bar ausgezahlt, sondern gegen Rechnungen abgerufen. Nicht genutzte Beträge verfallen nicht sofort, sondern lassen sich nachträglich abrufen — so entdecken Familien vierstellige Summen, die nie ausgegeben wurden.
Pflegehilfsmittel zum Verbrauch: 42 € im Monat. Handschuhe, Bettschutzeinlagen, Desinfektionsmittel, Schürzen. Einmal beantragen, dann monatlich geliefert. Der am häufigsten vergessene Anspruch der ganzen Liste.
Wohnumfeld anpassen: bis zu 4.180 € je Maßnahme. Bodengleiche Dusche, Treppenlift, Schwelle raus, Tür verbreitern. Leben mehrere pflegebedürftige Menschen zusammen, sind es 4.180 € je Person für eine gemeinsame Maßnahme. Beantragen, bevor gebaut wird.
Auszeit von der Pflege: 3.539 € im Jahr. Seit dem 1. Juli 2025 teilen sich Verhinderungspflege und Kurzzeitpflege ab Pflegegrad 2 einen flexiblen Jahresbetrag — frei auf beides verteilbar, im Rahmen von jeweils acht Wochen pro Kalenderjahr. Eine vorherige Antragstellung ist nicht nötig; die Kosten werden mit Belegen erstattet. Springt eine nahe Angehörige ein statt eines Dienstes, gelten andere Erstattungsgrenzen — frag die Pflegekasse vorher, welche Regel bei euch greift.
Was dir zusteht, nicht der pflegebedürftigen Person
Alles oben gehört der gepflegten Person. Diese vier Dinge gehören dir — und über sie spricht niemand.
Rentenbeiträge, gezahlt von der Pflegekasse. Wenn du mindestens zehn Stunden wöchentlich, verteilt auf regelmäßig mindestens zwei Tage, jemanden mit mindestens Pflegegrad 2 pflegst und selbst nicht mehr als 30 Stunden in der Woche erwerbstätig bist, zahlt die Pflegekasse für dich in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Über Jahre ist das eine erhebliche Summe, es passiert nicht automatisch, und die Stunden für mehrere gepflegte Personen werden zusammengezählt. Frag bei der Pflegekasse nach dem Fragebogen zur Feststellung der Rentenversicherungspflicht.
Unfallversicherung. Als nicht erwerbsmäßig Pflegende bist du während der Pflege gesetzlich unfallversichert — auch auf dem Weg dorthin. Wenn etwas passiert, melde es; viele halten sich für unversichert und tragen die Folgen still selbst.
Kostenlose Pflegekurse, notfalls im eigenen Wohnzimmer. Nach § 45 SGB XI müssen die Pflegekassen Schulungskurse unentgeltlich anbieten — und auf Wunsch von dir und der pflegebedürftigen Person findet die Schulung in der häuslichen Umgebung statt statt in einem Kursraum. Allein die richtige Hebetechnik lohnt den Nachmittag: Rücken beenden mehr Pflegearrangements als alles andere.
Deine eigene Pflegeberatung. Die Beratung nach § 7a ist auch für Angehörige da, nicht nur für die versicherte Person, und sie macht die Anträge mit dir. Wenn du von dieser Seite nur eines mitnimmst, dann diesen einen Termin.
Pflege und Beruf gleichzeitig
Drei getrennte Instrumente, die ständig verwechselt werden — alle mit Kündigungsschutz, solange sie laufen.
Zehn Tage, sofort
In einer akuten Situation darfst du bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, um die Pflege eines nahen Angehörigen zu organisieren. Dem Arbeitgeber unverzüglich Bescheid geben und auf Verlangen eine ärztliche Bescheinigung oder die einer Pflegefachperson vorlegen. Keine Ankündigungsfrist, keine Mindestbetriebsgröße. Das Geld kommt als Pflegeunterstützungsgeld von der Pflegekasse, bis zu zehn Arbeitstage je Kalenderjahr — und wenn mehrere Angehörige es für dieselbe Person beanspruchen, sind zehn Tage die gemeinsame Obergrenze.
Pflegezeit — bis zu sechs Monate
Vollständige oder teilweise Freistellung für höchstens sechs Monate je nahem Angehörigen. Gegenüber Arbeitgebern mit 15 oder weniger Beschäftigten besteht der Anspruch nicht, und du musst sie spätestens zehn Arbeitstage vor Beginn in Textform ankündigen, mit Dauer und Umfang.
Familienpflegezeit — bis zu 24 Monate
Reduzierte Arbeitszeit für bis zu 24 Monate, wobei wöchentlich mindestens 15 Stunden bleiben müssen. Gegenüber Arbeitgebern mit 25 oder weniger Beschäftigten besteht der Anspruch nicht. Pflegezeit und Familienpflegezeit dürfen zusammen 24 Monate je nahem Angehörigen nicht überschreiten.
Das zinslose Darlehen, das fast niemand abruft
Während der Pflegezeit oder Familienpflegezeit kannst du beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein zinsloses Darlehen beantragen: monatlich die Hälfte der Differenz zwischen dem pauschalierten Nettoentgelt vor und während der Freistellung, später zurückzuzahlen. Es ist das, was unbezahlte Freistellung überhaupt tragbar macht, es ist ein Anspruch und keine Ermessensleistung — und beantragt wird es direkt dort, nicht über den Arbeitgeber.
Deine eigene Gesundheit gehört zum Arrangement
Nicht als Gefühlsappell, sondern als nüchterne Tatsache: Wer pflegt und zusammenbricht, beendet das ganze Arrangement auf einen Schlag — meist mit einer Notaufnahme, die niemand gewählt hat.
Du darfst zur Reha, und die pflegebedürftige Person darf mit. Nach § 40 SGB V haben Pflegepersonen bei einer stationären Rehabilitation auch Anspruch auf die Versorgung der pflegebedürftigen Person, wenn diese in derselben Einrichtung aufgenommen wird. Das ist die Antwort auf „Ich kann nicht weg, es ist ja sonst niemand da" — und es steht genau deshalb im Gesetz, weil dieser Satz so häufig ist.
Nutze das Entlastungsbudget, bevor du verzweifelt bist. Die 3.539 € im Jahr sind keine Belohnung dafür, zehn Jahre durchgehalten zu haben. Buche eine Woche im Frühjahr, statt im November zu merken, dass das Jahr vorbei und das Budget ungenutzt ist.
Depression und Erschöpfung sind hier die Berufskrankheit, dazu der Rücken und der Schlaf. Nichts davon sagt etwas darüber aus, wie sehr du diesen Menschen liebst. Wenn es so weit ist, dass du morgens nicht mehr aufwachen willst, behandle das als den Notfall, der es ist:
kantholz93.com/suizid
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Andere Pflegende sind die Einzigen, denen du nichts erklären musst. Gesprächsgruppen laufen über Pflegestützpunkte, Kirchen, Wohlfahrtsverbände und die Alzheimer-Gesellschaften; das Pflegetelefon sagt dir, was es in deiner Nähe gibt. Mit jemandem in derselben Lage zu reden bewirkt etwas, das keine Broschüre kann.
Schreib jetzt das Notfallblatt. Ein Zettel an den Kühlschrank: was die Person braucht, Medikamentenliste, Ärzte, Nummer der Pflegekasse, wer einen Schlüssel hat, wen man anruft. Es ist für den Tag, an dem du im Krankenhaus liegst, und es kostet zwanzig ruhige Minuten.
Österreich, Schweiz und darüber hinaus
Österreich
Pflegetelefon des Sozialministeriums
0800 20 16 22
Kostenlos aus ganz Österreich, Mo–Do 08:00–16:00 und Fr 08:00–13:00 Uhr; auch per Mail an pflegetelefon@sozialministerium.at. Beratung für pflegebedürftige Menschen, pflegende Angehörige und alle mit Fragen rund um die Pflege — und der richtige erste Anruf zu Pflegegeld, Pflegekarenz und Zuwendungen, weil das österreichische System anders gebaut ist als das deutsche.
Schweiz
Betreuungsgutschriften der AHV
Wer Angehörige betreut, kann sich das in der AHV als Betreuungsgutschrift anrechnen lassen — kein ausgezahltes Geld, sondern eine Gutschrift, die später die Rente erhöht. Sie muss jährlich bei der Ausgleichskasse geltend gemacht werden, und die Bedingungen (Verwandtschaftsgrad, Nähe des Wohnorts, Hilflosenentschädigung) stehen im Merkblatt 1.03 auf ahv-iv.ch. Zur Entlastung im Alltag beraten die kantonalen Anlaufstellen und Pro Senectute.
Vereinigtes Königreich und Irland
Carers UK
0808 808 7777
Mo–Fr 09:00–18:00 Uhr, dazu advice@carersuk.org. Carer's Allowance liegt bei 86,45 £ pro Woche ab 35 Betreuungsstunden. Irland: Family Carers Ireland, 1800 24 07 24. Ausführlich auf der englischen Fassung dieser Seite.
Sonst überall
Das Muster hält fast überall: Es gibt einen nationalen Angehörigenverband, der die Ansprüche besser kennt, als jede Behörde sie erklärt — und das Geld hängt meist an der gepflegten Person, nicht an dir. Genau deshalb findet man nichts, wenn man nach der eigenen Lage sucht. Erst den Verband suchen, dann fragen, was der pflegebedürftigen Person zusteht.
Der Teil, den niemand aufschreibt
Niemand entscheidet sich dafür, pflegende Angehörige zu werden. Es kommt als vierzehn Tage Aushelfen, die nie aufhören, und wenn es endlich einen Namen hat, bist du zwei Jahre drin, hast deine Freundinnen aus den Augen verloren und bist die Einzige, die weiß, welche Tablette welche ist. Gefragt hat dich an keiner Stelle jemand.
Zwei Dinge gehören klar gesagt, weil sie fast nie gesagt werden. Erstens: Groll ist normal. Einen Menschen zu lieben und von ihm bis auf den Grund aufgebraucht zu werden, ist kein Widerspruch — und die Scham über dieses Gefühl hält mehr Menschen vom Anruf beim Pflegetelefon ab als jede Verfahrensfrage. Die Menschen an diesen Telefonen hören es täglich und erschrecken nicht.
Zweitens: Du darfst eine Grenze wollen. Dass Nächte nicht gehen. Dass du deinen Vater nicht waschen kannst. Dass sechs Monate das sind, was du hast. Eine Grenze früh auszusprechen hält Pflegearrangements meist am Leben; keine zu ziehen ist das, was sie im Rettungswagen enden lässt.
Und die unfaire, langweilige Wahrheit über das System: Es ist nicht darauf gebaut, dich zu finden. Es wartet auf Anträge. Die halbe Stunde, die dir einen Termin bei der Pflegeberatung bringt, ist mehr wert als alles Bessermachen im Alleingang.